Schlichtheit und Schönheit im Chan

Öffentlicher Vortrag von Žarko Andričević, Dharmaerbe von Meister Sheng Yen, gehalten am 28. 02. 2011 in Bern

Zarko

Zusammenfassung der Einführung über die Entstehung von Chan: Wir kennen Chan v.a. über das japanische Zen, da China bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts geschlossen war. Die Lehre Buddhas war ursprünglich sehr einfach. Sie entstand aus der Erwachens-Erfahrung, der Befreiungs-Erfahrung Buddhas. Die Grundaussage ist, dass alles vergänglich, leer und ohne eine beständige Selbstnatur ist. Da wir dies nicht wahrnehmen, entsteht grosses Leiden. Chan ist eine buddhistische Schule, die als Reaktion auf die Gelehrtheit der mit der Zeit komplex gewordenen Lehre entstanden ist.

Chan will direkt zur ursprünglichen Erfahrung von Shakyamuni Buddha zurückgehen durch direkte Betrachtung des Geistes und das Entdecken der wahren Natur des Geistes. Daher wird Chan manchmal Geist-Schule genannt. Die Bedeutung des Wortes Chan im Chinesischen – Chan’na – Chan aus dem Sanskrit dhyana oder Pali jana -- bedeutet Meditation, Kultivierung des Geistes, Sammlung oder das Licht nach innen wenden und die Natur des Geistes entdecken. Chan beruht auf den Lehren, dass eben dieser Geist schon Buddha oder Buddha-Geist ist, befreiter Geist. Die Erfahrung des Erwachens ist nicht etwas, das durch unsere Praxis, durch gute Taten, durch religiöse Praktiken, Rituale und Zeremonien hervorgebracht werden kann. Die Fähigkeit zu Erwachen ist uns eingeboren, ist unsere Natur, die wir aufdecken müssen. Wenn wir das Licht nach innen wenden, werden wir dies realisieren. Das bedeutet, dass mit uns alles in Ordnung ist, nichts ist falsch, nichts fehlt. Natürlich ist es falsch zu denken, dass wir schon Buddhas sind, weil unser Geist Buddha ist. Es ist zwar die Natur unseres Geistes, doch wir wissen es nicht. Es genügt nicht, davon zu hören oder darüber zu lesen. Dies ist nicht das Gleiche wie den Geist zu realisieren. Wir brauchen eine Praxis um unsere Natur aufzudecken. Wichtig ist jedoch das Verständnis, dass wir nichts erschaffen müssen. Wir müssen nicht eine andere Person werden um gut zu sein. Dies hiesse aus der Perspektive von Chan, enorm viel Energie in die Schaffung von etwas Unmöglichem zu legen. Doch wir können entdecken, wer wir von Anfang an sind, wenn wir die Abdeckung entfernen, den Schleier, der unsere Leben bedeckt.

 

Die Chan-Lehre beruht auf der Lehre, dass unsere Natur die Buddha-Natur ist, dass unser Geist Buddha ist. Wir müssen lediglich direkt in unseren Geist sehen. Auf solche Weise ist die Chan-Lehre der direkteste Zugang. Sie basiert nicht auf Zeremonien, nicht sehr stark auf den Sutras, obwohl man die Lehren kennen muss, sie wird nicht auf die übliche Weise von Generation zu Generation übermittelt sondern basiert auf dieser direkten Einsicht. Diese Schule legt daher viel Wert auf die Meditationspraxis. Aufgrund der Direktheit des Zugangs wird die Chan-Schule als sehr fortgeschritten angesehen, denn je direkter die Methoden einer Schule sind umso höher entwickelt ist diese Schule, obwohl einige Menschen denken, dass sehr elaborierte Meditationspraktiken wie Visualisationen, Mantras, Mandalas und Rituale sehr kraftvoll sind und wirksamer als nur in Stille zu sitzen und den eigenen Geist zu betrachten. Doch in Wirklichkeit sind das alles nur geschickte Mittel um den Geist zu beruhigen, damit er sich direkt betrachten kann. Dieser direkte Zugang von Chan ist in Wirklichkeit Schlichtheit. Warum legt Chan so viel Gewicht auf Schlichtheit? Um dies zu beantworten, müssen wir in den eigenen Geist blicken. Aus der Perspektive von Chan ist unser gewöhnlicher Geist sehr komplex, verwirrt, zerstreut. Wegen dieser Zerstreutheit, dieser Verwirrtheit verstehen wir die Dinge nicht wirklich klar, verstehen wir uns selber, die anderen Leute, das Leben als solches nicht. Dieser zerstreute Geist hüpft wie ein Affe immer von einer Sache zur andern, in einem Moment hierhin, dann dorthin. Das macht ihn sehr unbeständig, unruhig. Daher sehen wir nicht wirklich klar. Wir wenden nie genügend Zeit darauf eine Sache besser zu verstehen. Wir sind immer mit den Einzelheiten unserer Erfahrungen beschäftigt, wir sehen nie das Gesamtbild von uns und unserer Beziehung zur Welt. Daher können wir das Ganze nicht verstehen und daraus resultiert ein enormes Ausmass von Konflikten in unserem Leben. So leben wir alle in einer Realität, welche die konventionelle Realität genannt wird. Diese Realität wird durch unseren Geist geschaffen. Wir bilden eine Übereinkunft was und wie die Dinge seien. Und es gibt einen riesigen Unterschied zwischen unserer Annahme und dem, wie sie wirklich sind. Das ist kein Problem, wenn wir den Unterschied kennen, doch nachdem wir übereingekommen sind, wie die Dinge sind, fangen wir an zu denken, sie seien wirklich so wie wir vereinbarten. Und dann entsteht ein Chaos. Wir alle wissen, dies ist ein Kissen, dies eine Blume, eine Rose, wir geben allem Namen und dann meinen wir, die Elemente und Aspekte unserer Realität zu kennen und wir untersuchen sie nicht weiter. Sie wird eingefroren in unserem Geist. Daher bleibt eine Person, mit der Sie eine schlechte Erfahrung hatten, in Ihren Augen immer so. Obwohl in ihr Veränderungen vorgehen können, tauchen die Eindrücke von damals sofort auf, wenn Sie ihr das nächste Mal begegnen. Nach einer gewissen Zeit sehen wir nicht mehr die Realität, wir sehen unsere eigenen alten Eindrücke. Wir haben uns selbst, das Leben und unser Verstehen eingefroren. Wir sind das Opfer unseres Unwissens. Wir haben uns selber in diese Situation gebracht. Solange wir selber interpretieren, sehen wir nicht wie die Dinge wirklich sind. Unser Erfahrungsfeld wird immer enger. Das ist total entgegengesetzt der fliessenden, dauernd sich ändernden Natur des Lebens. Wir machen Erfahrungen, erwerben Wissen, werden erzogen, kennen einen Kreis von Menschen, haben eine bestimmte Lebenssituation und dies bleibt mehr oder weniger gleich, und wir sind davon gelangweilt. Nichts Neues passiert in unserem Leben. Wenn wir also hören, da gibt es einen Chan-Vortrag, dann gehen wir hin und sehen was da vorgeht, vielleicht gibt es etwas Neues. Doch in Chan ist nichts neu. Chan ist etwas sehr, sehr altes. Es ist von Anfang an das gleiche: Veränderung, gute alte Veränderung, oder neue Veränderung, oder neue und alte Veränderung. Das ist das einzig Konstante, das wir denken können: Veränderung.

 

Chan betont Schlichtheit. Dieser verwirrte und zerstreute Geisteszustand ist eine sehr komplizierte mentale Situation. Wir sehen die Natur des Geistes nicht, wir sehen die Schichten nicht, welche die geistigen Aktivitäten oder die Phänomene bedecken, und wenn wir diese Komplexität verstehen wollen, müssen wir unseren Geist sehr einfach machen. Wie können wir den Geist sehr einfach machen? Indem wir ihn sammeln, indem wir ihn zurückzunehmen von all dieser Zerstreutheit. Wohin? In diesen gegenwärtigen Augenblick! Wir müssen diesem Geist erlauben sich zu beruhigen, klar, offen zu werden und nicht mit den Einzelheiten unserer Erfahrungen beschäftigt zu sein. Wir müssen unseren Geist entleeren von der riesigen Menge seines Inhalts, die wie ein dauernd fliessender Fluss von Gedanken, Ideen, Erinnerungen, Groll, verschiedenen Gefühlen ist und sich nie verlangsamt. Er fliesst unaufhörlich und ist sehr trüb. Wegen dieser Trübung können wir unser eigenes Spiegelbild darin nicht sehen. Wir können auch andere Dinge nicht sehen, alles ist irgendwie verzerrt. Wir sehen kein klares Bild, doch wir zweifeln nicht an unserem Geist. Der verzerrte Geist drängt uns zu falschen Handlungen, die falsche Resultate bringen. Daher müssen wir unseren Geist klar machen und sehen wer wir sind und was das Leben ist. Wir müssen unseren Geist vereinfachen um mit frischen Augen uns selber und die Welt zu sehen. Als ob wir sie zum ersten Mal sehen würden wie als Kind als alles so interessant und voller Farbe war, so geheimnisvoll und vielversprechend. Zuerst müssen wir weniger egozentrisch werden, offen und annehmend, nichts erwarten, wie vollständige Anfänger: Von nichts etwas wissen, niemand sein und nirgendwohin gehen. Das ist das Ideal von Chan, die Schlichtheit von Chan. Das bedeutet die Welt wieder wie ein Kind betrachten, doch jetzt mit der Qualität des Verstehens. Dann werden wir die wirkliche Schönheit entdecken. Schönheit nicht im gewöhnlichen Sinne als Gegensatz zu Hässlichkeit. Wenn wir unseren Geist öffnen, mit frischem Blick auf die Realität sehen und aufhören die Welt zu interpretieren, beginnt die Welt sich für uns selber zu interpretieren. Wenn wir den unterscheidenden Geist, der dauernd analysiert und vergleicht ablegen, tritt ein Zustand der Schlichtheit ein. In diesem Zustand beginnen die Dinge sich selber darzulegen, sie sagen uns was sie sind. Sie sagen alle das Gleiche. Sie sagen: „Oh, ich bin unbeständig, ich dauere nicht ewig.“ Dann realisieren wir, dass jedes Ding einzigartig ist, absolut unwiederholbar, mit allem andern verbunden; das Ergebnis des ganzen Universums. Dies nicht zu sehen ist oberflächlich, kein Fehler aber äusserst schmerzhaft. Wenn wir den Geist klären, dann sehen wir absolute Schönheit. Der Geist, der einfache Geist ist Schönheit. Diese Rose hier ist schön. Doch was schön ist oder nicht hängt vom Geisteszustand desjenigen ab, der sieht. Wenn wir besorgt, gestresst oder krank sind, sehen wir die Schönheit nicht. Wenn der Geist klar ist, präsent, gewahr, hell und offen, dann sehen wir Schönheit überall, denn unsere Existenz selber ist schön, wenn wir sie direkt betrachten und sehen wie wir mit allem verbunden sind. Wir sehen die Harmonie dieses Verbunden-Seins und diese Harmonie selbst ist schön. Wenn wir die Dinge in ihrer Totalität direkt sehen, sehen wir Schönheit, die über schön und hässlich liegt, nicht polarisiert, sondern eine ganzheitliche Erfahrung ist. Die Rose hier erinnert mich an eine Metapher des vietnamesischen Zen-Lehrers Thich Nhat Hanh. Er sagte einmal: „Was ist der Unterschied zwischen einer Rose und Abfall? Für den oberflächlichen Geist gibt es viele Unterschiede. Eine Rose ist schön und Abfall ist etwas, was wir nicht lieben, das wir loswerden möchten. Doch für jemanden, der nicht zerstreut ist, der sehr tief blickt und die Dinge sich selbst darlegen lässt, ist es anders. Wenn er sehr, sehr sorgfältig auf die Rose blickt, dann sieht er wie sie sehr, sehr langsam sich verändert und zur Abfall wird. Doch was geschieht mit dem Abfall? Die Rose entsteht daraus.“ So ist die geteilte Welt von „dies mag ich, dies nicht“ eindeutig ein Fehler, der zu sehr grossem Leiden führt. Er bedeutet Dualität des Geistes.

 

So müssen wir aufhören uns selbst und alles in unserem Leben als selbstverständlich anzunehmen. Wir sollten unserer selbst und aller Dinge und Menschen tief gewahr werden. Dann können wir einen tieferen Sinn in unserem Leben, im Leben allgemein wahrnehmen. Damit entsteht dieses Gefühl von Schönheit, von Zufriedenheit. Dies verändert unser Leben, wir entdecken, was unser Leben wirklich ist, wie wir Leiden und Wiedergeburt überwinden können. Wir entdecken wer wir sind, wir entdecken Weisheit und Mitgefühl. Wenn wir wirklich zu praktizieren beginnen, wenn wir beginnen im gegenwärtigen Augenblick zu leben, bei allem, was wir tun achtsam zu sein, dann geschieht etwas Aussergewöhnliches. Wenn wir etwas ganz achtsam tun, dann führen wir etwas ein, das diese Handlung edel macht. Die Handlung ist nicht mehr gewöhnlich, sie wird edel. Was wir mit zerstreutem Geist tun ist ebenfalls zerstreut. Es hat diese spezielle Qualität nicht. Doch wenn wir voll dessen gewahr sind, was wir tun, ist es als ob unser ganzer Körper edel würde. Wir haben dieses tiefe Gefühl von Zufriedenheit, Präsenz, Offenheit und wir wissen, dass wir genau das tun, was wir tun sollten. Wir wissen, dass wir zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Wir werden ganz. Dieser Prozess des Ganz-Werdens, Eins-Werdens, Präsent-Seins im gegenwärtigen Augenblick ist ein Heilungsprozess.

 

Chan ist die Praxis, unseren Geist zu vereinfachen um uns dem was wir sind und der Realität näher zu bringen. Dies ist der erste Schritt in Chan. Es gibt einen Ausspruch: „Das Ziel von Chan ist es zu seiner ursprünglichen Heimat zurückzukehren.“ Die ganze Praxis von Chan kann so verstanden werden: Zurückkehren zu dem, was wir wirklich sind. Dies zu entdecken bedeutet die Schönheit der Existenz, der Realität zu entdecken. Das ist mehr als der ästhetische Eindruck von Schönheit, es ist ein Wunder, wundersame Realität. Man kann nichts darüber sagen, es liegt ausserhalb der Worte, es geht auf die eigentliche Erfahrung Buddhas unter dem Bodhibaum zurück.

 

(Übersetzung mit leichten Kürzungen von Hildi Thalmann, 01.03.201)

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Fr. 24.11., 1.12., 8.12., 15.12., 19:00-21:00:

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Das höchste Prinzip kann nicht erklärt werden.
Es ist weder frei noch gebunden.
Lebendig und abgestimmt auf alles
Befindet es sich immer gerade vor dir.

Aus Song of Mind 
von Niu Tou Fa Jung