Chan und die vier Umwelten

Öffentlicher Vortrag von Žarko Andričević, Dharmaerbe von Meister Sheng Yen, gehalten am 18. Januar 2013 in Bern

Den Umweltgedanken einerseits und das buddhistische Gedankengut oder Chan andererseits zusammenzubringen erscheint als schwierige Aufgabe. Denn auf den ersten Blick scheinen die beiden ganz und gar nichts miteinander zu tun zu haben.

Wenn wir in die Zeit Buddhas zurückgehen, also um 2500 oder mehr Jahre, ist es gewiss, dass die Leute damals keine Umweltprobleme hatten. Es gab keine Verschmutzung, keine Umweltkrise. Die menschliche Gemeinschaft bestand aus kleinen Flecken hier und dort in der Weite des Urwalds oder Dschungels. Das bedeutet, dass die Menschen jener Zeit auch keinen Einfluss auf die Umwelt hatten.

Natürlich hat sich das mit der Zeit verändert. Vor allem seit der industriellen Revolution vor etwas mehr als 250 Jahren gab es eine radikale Veränderung, und zwar in sehr kurzer Zeit. In diesem geringen Zeitraum hat sich die Welt wegen der enormen Entwicklung von Technik und Wissenschaft grundlegend verändert. Darum hat das, was wir heute tun, enorme globale Auswirkungen. Wir leben heute in einer sehr kleinen Welt, und immer, wenn irgendwo, in irgendeinem Teil der Erde, eine ökologische Katastrophe passiert, sind wir davon betroffen.

Anfangs sagte ich, dass die Welt einst weit war, mit ausgedehnten Wäldern und Dschungeln, die menschliche Gemeinschaft darin aber sehr klein. Im Gegensatz dazu ist die Situation heute gerade umgekehrt. Jetzt sind Dschungel und Wälder kleine Punkte hier und dort, alles andere wird von Städten und Menschen bedeckt. Die Auswirkungen, die wir Menschen heutzutage auf die Natur haben, sind enorm, wirklich enorm. Gerade darum befinden wir uns jetzt in einer Weltkrise, die manchmal als ökologische Krise bezeichnet wird, die aber auch eine ökonomische und – wie immer mehr Leute denken – auch eine moralische, spirituelle Krise ist.

Es gibt eine ganz klare Beziehung von Ursache und Wirkung in dem, was wir heute erleben. Es begann mit der industriellen Revolution, mit der Verwendung fossiler Energien und der riesigen Produktion. Das führte zu einem riesigen Konsum und zur Verschmutzung als Resultat, einer enormen Verschmutzung der Erde, des Wassers, der Luft. Es besteht also ein klarer Zusammenhang. Aber das ist nicht alles. Es resultiert daraus auch die globale Erwärmung. Als Folge davon schmilzt das Eis und der Meeresspiegel steigt. Das ist etwas sehr Gefährliches. Vor einigen Tagen war meine Heimatstadt Zagreb, die Hauptstadt von Kroatien, weltweit in den Schlagzeilen wegen des grössten Schneefalls, an den sich die Leute erinnern können. Zur gleichen Zeit litt Australien unter extremer Hitze, 46 Grad, kaum lebbar, mit vielen Bränden als Folge. Das zeigt, dass etwas ganz Ernsthaftes mit unserem Klima geschieht. Wir alle erleben zudem, dass die Jahreszeiten nicht mehr so regelmässig sind wie früher.

Wie bereits gesagt, es gibt einen klaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung in diesem Geschehen. Natürlich gibt es auch einen Kampf zwischen den Wissenschaftlern. Die einen argumentieren, dass all das ein Resultat menschlicher Handlungen sei, andere sind der Auffassung, es seien die Rhythmen und Zyklen der Natur, die diese Veränderungen bewirken. Aber ich denke, dass die Zyklen in der Natur nicht so schnell gehen, wie die Veränderungen jetzt stattfinden. Darum sind meiner Meinung nach – und viele Menschen teilen sie – nicht die Naturzyklen verantwortlich für die gegenwärtige Situation, sondern das menschliche Handeln.

Was wir in der Welt geschaffen haben, unser ganzes Lebenssystem, ist unhaltbar, ungerecht und gefährlich. Es ist unhaltbar aus einem einfachen Grund: Alle streben nach ökonomischem Wachstum. Angesichts der beschränkten Ressourcen ist das eine ganz missbräuchliche, dumme Idee. Vor langer, langer Zeit war es wahrscheinlich normal, dass die Menschen dachten, die Ressourcen seien unendlich. Aber heute ist die Lage ganz anders, und es ist nicht mehr vernünftig, so zu denken.

Wenn wir das ökonomische System betrachten, das heute in der Welt dominiert, also den Kapitalismus, können wir feststellen, dass die hauptsächliche Antriebskraft dahinter die Gier ist. Es ist die Gier nach Profit. Andererseits ist es auch die Gier nach Konsum. Und diese beiden Dinge treiben das Rad an. Die Leute denken, dass sie durch den ständigen Kauf neuer Dinge irgendwie das Glück finden können. Sie sind überzeugt, dass ihnen ständig etwas fehlt, und um vollständig zu werden, müssen sie immer etwas Neues haben. Das wird zu einem unmöglichen Rennen, einem Rennen ohne Ende, weil wir vollständige Befriedigung auf diese Weise nicht erreichen können. Denn sobald wir eine Sache konsumiert haben, taucht eine neue auf – ein endloser Zyklus. Das ist unhaltbar. Denn um diese Situation zu ermöglichen, braucht es eine enorme Produktion, und um diese enorme Produktion zu gewährleisten, beuten wir die Ressourcen der Erde mehr und mehr aus. In diesem ganzen Prozess geht es nicht um die Menschen. Die Hauptmotivation ist nicht die Lebensqualität der Menschen, sondern die persönliche Gier. Oder anders gesagt: Der Profit ist an erster Stelle, die Menschen sind an zweiter, dritter oder noch weiter hinten.

Dieses System ist unhaltbar. Es ist nicht gerecht. Wenn wir die Statistiken betrachten, können wir feststellen, dass der grösste Teil des Reichtums dieser Welt in den Händen einer Minorität ist. Eine ganz kleine Minderheit von Leuten besitzt die Mehrheit des Reichtums dieser Welt. Die Verteilung des Reichtums ist also nicht gerecht. Ich denke, dass die prozentuale Verteilung eine Katastrophe ist: 1 Prozent der Menschen besitzt 80 Prozent des Reichtums der Welt, und diesen ruinieren sie. Faszinierend in einem negativen Sinn ist auch die Tatsache, dass heute hundertmal mehr Reichtum aus den unterentwickelten Ländern in die entwickelten fliesst als in der Zeit des Kolonialismus. Absurd ist auch die Tatsache, dass während der weltweiten Wirtschaftskrise die Reichen sehr viel reicher als zuvor werden und die Armen sehr viel ärmer.

Ein weiterer Punkt, der uns alle sehr bedrücken kann, ist die Auswirkung dieser Situation. Sie ist sehr, sehr gefährlich. Die Situation ist nicht nur gefährlich in einem sozialen Sinn. Sie kann Revolutionen und Kriege in der ganzen Welt herbeiführen, was zu einem gewissen Grad schon geschieht. Sie ist vor allem auch gefährlich wegen der Auswirkungen auf die Natur. Es ist durchaus möglich, dass wir dabei an einen Punkt ohne Umkehrmöglichkeit (= point of no return) gelangen.

Das Bild, das ich bisher gezeichnet habe, ist ein sehr schlimmes, dem werden Sie sicher zustimmen. Es gibt aber Leute, die sagen, die Realität sei noch viel düsterer. Wie auch immer die Situation ist: Es ist äusserst wichtig, dass wir uns ihr stellen, dass wir uns bewusst werden, wie sie ist. Und das aus einem einfachen Grund. Ohne dieses Bewusstsein, ohne das klare Wissen, wie die Situation ist, können wir nichts verändern, werden wir uns auch nicht aufraffen, um etwas zu verändern.

Wenn wir von Veränderung sprechen, so hat das wirklich etwas mit dem Buddhismus, mit der buddhistischen Lehre zu tun. Ich sagte am Anfang, dass die Welt vor 2500 Jahren weit, weit weg von einer Umweltkrise, von Verschmutzung oder Ähnlichem war. Trotz dieser Tatsache können wir in den buddhistischen Sutras, in der Lehre von Buddha selber, viele Beispiele finden, in denen Buddha besonderes Gewicht darauf legt, dass wir eine gute Beziehung zur Umwelt, zur Natur haben. Er lehrte seine Mönche und Nonnen und allgemein die Leute, die ihm folgten, dass sie sehr, sehr sorgsam darauf achten sollten, das Wasser nicht zu verschmutzen und überhaupt nichts zu verschmutzen. Darum wurden sie angehalten, ein einfaches und geordnetes Leben zu führen und dabei ihre unmittelbare Umwelt sorgfältig zu behandeln.

Buddha tat dies im Wissen darum, dass von der Qualität der Beziehung, die wir zu unserer Umwelt und zu andern Menschen herstellen, die Qualität unseres eigenen Lebens abhängt. In anderen Worten: Je bewusster wir unserer Beziehung zur Umwelt, zu andern Menschen, zum Leben allgemein sind, desto bessere, desto harmonischere Beziehungen können wir gestalten, und das wird eine bessere Qualität unseres Lebens und des Lebens im allgemeinen bewirken.

Im Buddhismus wird der Grund allen Leidens im menschlichen Leben als Resultat des verfehlten Glaubens an eine separate Existenz gesehen. Wenn wir glauben, dass wir eine separate Existenz haben, bringt uns das in Opposition zu oder Konflikt mit allem, was nicht ich selber ist, also mit andern Leuten, mit der Umwelt, mit andern Formen des Lebens.

Das nennen wir eine egozentrische Perspektive oder Sicht auf das Leben und die Welt. Dies ist eine sehr enge Perspektive. Es ist, als ob man durch ein Rohr gucken würde. Man sieht nur einen ganz kleinen Ausschnitt des Ganzen, und was man sieht, ist das, woran man ein Interesse hat. Mit andern Worten: Man sieht die Welt aus der Perspektive der Selbstsucht. Wenn diese Perspektive vorherrscht, sind wir uns der Interessen der andern Menschen nicht wirklich bewusst. Wir sind uns nicht wirklich bewusst, was zum Wohl der andern, der Umwelt und der andern Formen des Lebens dient.

Im Buddhismus wird diese egozentrische Perspektive als Perspektive beschrieben, in der Unwissenheit, Gier und Hass dominieren. Und genau diese drei Dinge- Unwissenheit, Gier, Hass – sind verantwortlich für all die Leiden und den Verdruss der Menschen. Wenn diese drei Mächte uns dominieren, ist das, was wir sehen, sehr beschränkt. Wir sehen nicht das Ganze. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern nur einen Teil davon, von dem wir meinen, ihn zu kennen, obwohl wir ihn nicht wirklich kennen. Diese Perspektive ist eine schmerzliche.

Einige buddhistische Denker beschreiben die ganze Gesellschaft mit den Begriffen dieser drei Übel: Unwissenheit, Gier und Hass. Sie sagen, dass Gier repräsentiert wird durch die Wirtschaft, Hass durch das Militär und Unwissenheit durch die Medien. Dies ist eine überzeugende Art der Verknüpfung. Es leuchtet ein, dass das, was die Individuen dominiert, auch die Gesellschaft allgemein beherrscht. Die beste Art, den Kapitalismus als ökonomisches System zu beschreiben, ist durch die drei Mächte Unwissenheit, Hass und vor allem Gier. Was Leiden auf individueller Ebene bringt, führt auch zu Leiden in der ganzen Gesellschaft.

Kommen wir auf die Umwelt zurück. Es ist klar, dass sie unsern eigenen Geist und den Geist der Gesellschaft allgemein spiegelt. Die Umwelt ist nicht wirklich verschieden vom Geist der Gesellschaft. Es ist eine klare Spiegelung. Und es ist auch ein Teufelskreis. Denn wegen der Verschmutzung unseres Geistes verschmutzen wir die Umwelt, und diese verschmutzte Umwelt verschmutzt wiederum unsern Geist.

Zu dieser ganzen Situation kommt noch ein anderer wichtiger Punkt: die anthropozentrische Perspektive. Vorher erwähnte ich die egozentrische Perspektive. Es gibt aber auch noch die anthropozentrische, in der der Mensch eine dominante Rolle hat. Die Welt ist nur dazu da, uns zu dienen, und sie muss erobert werden. Die Situation, in der wir uns heute befinden, ist das Resultat dieser Weltsicht und der Handlungen, die daraus hervorgehen.

Was ist die Lösung dieses riesigen Problems? Zuallererst müssen wir eine grundlegend andere Sicht von uns und der Welt haben. Dann müssen wir die Leerheit des Konsumismus erkennen. Wir müssen begreifen, dass die Erfüllung unseres Lebens und das Glück nicht etwas sind, das wir in Konsumgütern finden können, und dass wir sie nicht ausserhalb von uns selbst finden. Kehren wir zum Gedanken des Fortschritts zurück. Um diesen Begriff neu zu definieren, müssen wir den Menschen vor den Profit stellen. Das bedeutet, dass die Wirtschaft das Ziel haben muss, allen Menschen ein Leben auf einem gewissen Niveau zu ermöglichen und unser Leben in einem physischen Sinn zu verbessern. Das wirft natürlich die Frage nach der ungleichen Verteilung des Reichtums auf. Bezüglich des Konsumismus ist es nötig, zwischen unsern echten Bedürfnissen und unsern Wünschen zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist wesentlich. Denn mit unsern Bedürfnissen könnten wir alle ein gutes Leben haben. Wenn wir aber unsern Begierden nachgehen, so gibt es nicht genügend Ressourcen. Die Rückbesinnung auf unsere wahren Bedürfnisse und das Aufgeben unserer Wünsche bedeuten aber nicht, dass wir auf das Glück verzichten müssen. Wir können einen tiefen Sinn im Leben finden, wenn wir nicht unsern Wünschen nachgehen, sondern in uns selber und in das Leben schauen. Wir können so eine Erfüllung finden, die uns materielle Dinge nie bringen.

Befriedigung und Glück sind das Resultat, wenn wir die beiden Perspektiven (die ego- und die anthropozentrische) aufgeben und realisieren, dass wir alle miteinander verbunden sind. Indem wir Harmonie in der Beziehung zu andern Menschen und zur Natur herstellen, können wirkliches Glück und wirkliche Befriedigung entstehen.

Das Glück hängt also ab vom Zustand unseres Geistes. Dieser Zustand hängt wiederum ab von der Tiefe unseres Verstehens. Und beide hängen ab von der Kultivierung unseres Geistes. Je mehr wir unsern Geist kultivieren und unser Geist dadurch fester und klarer wird, desto weniger egozentrisch wird er sein. Und je weniger egozentrisch unser Geist ist, desto mehr Harmonie können wir in der Beziehung zu uns selber, zu andern Menschen und zur Natur wahrnehmen.

Es ist eine grosse Täuschung zu meinen, dass wir separat existieren. Diese Täuschung ist der Grund für alle Disharmonie und alles Leiden. Sie basiert auf der mangelnden Kultivierung unseres Geists. Wir denken, wir wüssten alles über alles, gleichzeitig merken wir aber nicht, dass wir uns selber nicht kennen. Wir wissen nicht, wer wir sind. Durch die Kultivierung des Geistes entdecken wir uns selber und die andern. Durch die Kultivierung des Geistes entdecken wir auch die Umwelt und die Verbindung zwischen allem. Als Resultat davon entstehen in uns ganz natürlich Verantwortungsgefühl, Dankbarkeit und Respekt. Wenn wir die Qualität des gegenwärtigen Augenblicks wahrnehmen, dann haben wir einen glücklichen Geist und einen Geist, der auch andere glücklich macht. Es ist ein Geist, der nicht darauf aus ist, andere und die Welt zu erobern, Besitz zu horten, andere zu beherrschen. Vielmehr ist es ein Geist, der vom Leben selber völlig fasziniert ist, vom gegenwärtigen Augenblick, von dem, was gerade hier und jetzt geschieht und ein wirkliches Wunder ist. Genau dann entsteht dieses tiefe Gefühl der Zufriedenheit und des Glücks, das Gefühl der Verbundenheit mit allem um uns und mit anderen Menschen.

Aus der Perspektive dieses Geistes würde die Umwelt zu verschmutzen dasselbe bedeuten wie unseren eigenen Körper zu vergiften. Jemanden auszunützen, um Profit zu machen, wäre dasselbe wie sich selber zu übervorteilen. Aus dieser Perspektive gibt es nicht wirklich ein Selbst und die Andern, also keine Trennung zwischen der Umwelt und uns selber. Alles ist zutiefst verbunden. Darum entsteht das Verantwortungsgefühl ganz natürlich, ebenso Dankbarkeit und Respekt gegenüber allem, womit wir in Kontakt kommen.

In andern Religionen ist immer irgendetwas im Zentrum: eine Macht, Götter, göttliche Wesen. Unsere Augen sind auf diese göttlichen Wesen gerichtet mit der Bitte um und Hoffnung auf Hilfe. Im Gegensatz dazu steht der Buddhismus, besonders Chan. Was ist dort im Zentrum? Immer genau das, was gerade im gegenwärtigen Augenblick im Leben da ist, hier und jetzt. Das steht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Aus dieser Haltung heraus verdient alles, was wir antreffen, was gerade gegenwärtig ist, unsere volle Aufmerksamkeit. Es ist etwas wirklich Göttliches. Darum verdient es, dass wir ihm mit Verantwortungsgefühl, Dankbarkeit und Respekt begegnen.

Wie Meister Sheng Yen, mein Lehrer, manchmal sagte: Wenn uns etwas gelingt, wenn wir im Leben gute Resultate erzielen, dann ist das einfach ein gutes Resultat. Erfahren wir etwas, das wir nicht mögen, etwas, das nicht so läuft, wie wir es erwartet haben, dann ist das ein gutes Resultat. In beiden Fällen ist es ein gutes Resultat, eine nützliche Erfahrung, aus der wir lernen und uns entwickeln können. Meister Sheng Yen war ein grosser Chan-Lehrer, aber er wollte seine Lehren mit möglichst vielen Menschen teilen. Um das zu erreichen, formulierte er eine Vielzahl von Zugängen zu Lebenssituationen. So formulierte er eine einfache Lehre bezüglich der Umwelt und der Umweltprobleme. Er sprach von vier Umwelten: der spirituellen Umwelt, der Lebensumwelt, der sozialen Umwelt und der Naturumwelt. Das ist ein einfaches Konzept, aber es geht sehr tief.

An erster Stelle platzierte er die spirituelle Umwelt. Unter spiritueller Umwelt verstand er vor allem die Stabilität und Klarheit des Geistes. Er stellte sie an erster Stelle, weil – wie früher dargelegt – die Umwelt eine Spiegelung unseres Geistes ist. Darum: Wenn wir unsern Geist in Ordnung bringen, reflektiert sich das in unserer Umwelt. An zweiter Stelle kommt die Lebensumwelt. Wenn unser Geist oder unsere spirituelle Umwelt fest und klar ist, dann wird unsere Lebensumwelt geordnet und einfach oder vereinfacht sein. Wenn unsere Lebensumwelt so ist, dann beeinflusst das auch unsere soziale Umwelt. Wenn unser Geist fest und klar und unser Leben geordnet und einfach ist, wie sieht dann unsere Beziehung zur Gesellschaft aus? Es wird eine harmonische Beziehung sein, basierend auf dem klaren ethischen Prinzip, uns selber und andern nicht Schaden zufügen zu wollen. Wenn unser Geist fest und klar ist, unser Lebensstil geordnet und einfach ist, die Beziehungen zu andern Menschen ethisch und harmonisch sind, wie sieht dann unsere Beziehung zur Umwelt aus? Wir stellen eine ebenso harmonische Beziehung zur Umwelt her, indem wir allem Sorge tragen, was da ist: Erde, Wasser, Luft, andere Formen des Lebens.

In all dem ist die Idee der „Inter-Verbundenheit“ (= inter-connectedness) sehr gegenwärtig. Wenn immer wir uns dieser Inter-Verbundenheit tief bewusst sind, stellt sich Harmonie in uns selber und in unseren Beziehungen ein. Mit dieser Ausrichtung ist es unmöglich, etwas einfach wegzuwerfen, nicht zu rezyklieren oder zu viel zu verbrauchen, mehr als man benötigt. Es ist eine Beziehung voller Verantwortung, Dankbarkeit und Respekt gegenüber allem, was wir brauchen. Sie verunmöglicht es, Dinge einfach wegzuwerfen. Dem steht jedoch die Tatsache gegenüber, dass die Hälfte der Nahrung, die produziert wird, weggeworfen wird, gleichzeitig aber eine ungeheuer grosse Zahl von Menschen an Hunger stirbt.

Wenn wir also Chan praktizieren und studieren, bedeutet dies, dass wir nach den erwähnten vier Prinzipien zur Erhaltung der Umwelt leben, indem wir zwischen unseren Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden und indem wir sehr bewusst die Bedürfnisse der andern wahrnehmen, nicht nur unsere eigenen.

Chan ist hauptsächlich bekannt für seine Meditationspraxis. Die Leute glauben, Chan bedeute einfach in Meditation dazusitzen. Tatsächlich versuchen wir aber im Chan, jede einzelne unserer Handlungen in Meditation zu verwandeln. Wenn wir beispielsweise in Retreats essen – aber natürlich auch ausserhalb der Retreats – stellen wir eine besondere Beziehung her zur Nahrung, die wir essen. Wir nähern uns der Nahrung mit Dankbarkeit, indem wir uns den ganzen Prozess vor Augen halten, der dieses Essen auf unsern Tisch brachte: die Leute, die arbeiteten, um die Nahrungsmittel zu produzieren, die Menschen, die das Essen zubereiteten, und die, die es servierten. Wenn man eine solche Haltung hat, dann ist es unmöglich, beim Essen an andere Dinge zu denken. Mit dieser Haltung ist man ganz aufmerksam auf das, was man isst, und kostet die Nahrung wirklich. Gewöhnlich ist unser Geist voll von verschiedenen Ideen, während wir essen. Wir essen auch sehr schnell. So wird die Nahrung nicht verdaut, natürlicherweise entstehen Probleme, in unserem Geist und in unserem Körper. Wenn wir essen, ist das Essen das Wichtigste im Leben. Wenn wir mit einer andern Person sprechen, ist diese Person die wichtigste Person in unserem Leben, ob diese Person uns nun etwas Angenehmes sagt oder uns kritisiert. So verwandeln wir Kommunikation in Meditation. Auf diese Art wird unser Leben immer tiefer, harmonisch und erfüllt von Zufriedenheit und Glück.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Mariann Reinhard

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Sa/So 18./19. November:

Übungs-Wochenende
Informationen hier

 

Fr. 24.11., 1.12., 8.12., 15.12., 19:00-21:00:

Vier Einführungsabende Chan-Meditation Informationen hier

 

Das höchste Prinzip kann nicht erklärt werden.
Es ist weder frei noch gebunden.
Lebendig und abgestimmt auf alles
Befindet es sich immer gerade vor dir.

Aus Song of Mind 
von Niu Tou Fa Jung